Die Frühgeburt aus Sicht einer Mutter

Herzlichen Glückwunsch!

Zu was wird mir gratuliert? Tatsächlich musste ich nachdenken, was die Leute meinten, als sie diese Worte vor drei Jahren  zu mir sagten.

Mein Name ist Pia und ich habe im August 2006 Zwillinge in der 30. Woche zur Welt gebracht.

Während bei der Geburt eines reifen Kindes herzlich gratuliert wird, so sind diese zwei Worte bei einer zu frühen Geburt für die Mutter oft unverständlich, waren für mich sogar absolut fehl am Platz. Es gab nichts, zu dem man mir hätte gratulieren müssen. Ich habe meine Kinder viel zu früh in die Welt gelassen. Nicht alleine lebensfähig, abhängig von Maschinen, Medikamenten, den Ärzten und den Pflegekräften.

Herzlichen Glückwunsch dazu, dass meine Kinder nun in einem Glaskasten liegen, ins grelle Licht gucken müssen, den furchtbaren Krach der Intensivstation und deren Dauerpiepen ertragen müssen? Herzlichen Glückwunsch dazu, dass ihnen durchschnittlich 25 mal am Tag wehgetan werden muss (die Zahl hat der Bundesverband ermittelt), um die notwendige medizinische Versorgung durchführen zu können?

Die Geburt ist definitiv kein freudiges Ereignis, oft ist sie ein Kaiserschnitt ohne Bewusstsein. Ich zum Beispiel rede bis heute von der Operation, nicht etwa von der Geburt. Man hat mir etwas aus dem Bauch herausgeschnitten, aber ich hatte keine Kinder zur Welt gebracht. Wo waren die auch? Ich hab sie ja nicht gesehen. Später am Abend bringt man mir Polaroids von zwei Kindern, die angeblich meine sein sollen. Sie machen es prima, sagen die… was machen sie prima, das Überleben ohne mich?

Jeder versichert uns Müttern, dass wir ja keine Schuld daran haben, dass „DAS“ passiert ist. Doch glauben tut das nicht eine einzige von uns. Wenn man dann, oft erst nach Tagen, das erste Mal am Inkubator steht, spürt man die Schuld nicht nur tonnenschwer auf der Brust, nein dann liegt sie direkt vor einem. Mit durchsichtiger Haut, hektisch wummerndem Herzchen, oft beatmet, mit Pflastern verklebt, mit venösen Zugängen, die man sich auf der Stelle lieber selbst 1000 mal am eigenen Körper wünscht, nur damit das Kind den Schmerz nicht aushalten muss. Da liegt die Schuld, wiegt auf der Waage kein ganzes Kilo auf uns Müttern aber so viel, dass es kaum zu ertragen ist.

Ich habe neben unseren Inkubatoren gesessen und immer nur sagen können: Es tut mir leid... Es tut mir so unendlich leid, dass ich euch das antun musste!!!!

Keine Schuld? – Na, herzlichen Glückwunsch!

In der Zeit auf den Frühchenstationen sind wir Mütter selbst wie eine große Wunde. Die Schuld und die Trauer über das Geschehene haben uns so verwundbar gemacht, dass aus sonst selbstbewussten, nicht auf den Mund gefallenen Frauen wie mir, Mütter werden, die gar nicht mehr fühlen, was richtig oder falsch ist, die sich wie betäubt führen lassen von der Klinikstruktur, mittags irgendwo zwischen Ikeakantine, der Innenstadt, dem Parkplatz der Kinderklinik oder der Cafeteria herumirren, wenn Mittagspause und Übergabezeit ist. Doch möchten wir bei unseren Kindern sein! Ich möchte immer bei meinen Kindern sein! Ich kann abends nicht nach Hause gehen, ohne immer wieder diesen tiefen Abschiedsschmerz zu empfinden, jeden Abend muss ich meine Kinder aufs Neue alleine lassen!

Ich möchte sie aber nie wieder verlassen! Sie sollen spüren, dass ich bei ihnen bin.

Und wenn es für mich doch schon das Schlimmste war, wie ist es dann mit den Kindern?! Sie kommen auf die Welt und lernen, dass diese nur aus Schmerz, Verlassenwerden, unangenehmen Geräuschen und beängstigender Weite besteht. Da ist tagelang keiner, der sie hält, der ihnen Schutz gibt, keine vertraute Stimme mehr. Bei jedem reif geborenen Kind ist es eine Selbstverständlichkeit, dass es möglichst noch ungewaschen der Mutter auf die Brust gelegt wird. Das Bonding sei so wichtig!

Tatsächlich haben wir Mütter uns alle Sorgen darüber gemacht, ob eine Mutter-Kind-Beziehung überhaupt in gesundem Maß zustande kommen kann. Mir fehlen z.B. die ersten 3,5 Tage mit meinen Kindern. Erst habe ich sie nicht halten können, dann habe ich sie auch noch verlassen und nicht beschützen, ja nicht einmal begrüßen können. Ob ich diese Sehnsucht in den Tagen der Trennung jemals verwinden werde, ist unwichtig. Aber wie sollen das die Kinder meistern?

Zuhause erhärtete sich der Verdacht, dass das stundenlange Schreien, das auch nach 3 Monaten nicht nachließ, ein Frühchenproblem sein könnte. Alleingelassen mit dieser Vermutung wurde ich eigeninitiativ und stieß auf eine Schrift einer Hebamme, die empfahl, das Kind während des Schreiens wie in der Haltetherapie ganz eng zu halten. Es sei wichtig, dass es seinen Kummer, über die Erlebnisse seiner ersten Lebenswochen, auch betrauern und herausweinen dürfe. Meine Jungs und ich haben versucht, so unser gemeinsames Trauma zu verarbeiten. Ich habe sie oft so gehalten, mal nur 15 Minuten lang, mal ganze Stunden und wir haben uns zusammen ausgeweint. Sie in meinen Armen. Ich habe nicht versucht, sie mit einer Rassel abzulenken, den Kummer mit dem Schnuller weg zu drücken. Ich habe versucht, mich dem Erlebten zusammen mit den Kindern zu stellen… Es war sehr schwer, es tat und tut noch immer wieder und wieder so weh, zu begreifen, was die Kinder durchmachen mussten. Aber ich glaube, das Festhalten hat ihnen geholfen.

Bis heute sind sie leicht irritierbar, schreien noch viel… Von einem Bindungsproblem zu mir, ihrer Mutter kann man allerdings nicht sprechen. Im Gegenteil, sie lieben mich heiss und fettig, das merke ich 24 Stunden am Tag. Aber es ist große Verlustangst zu spüren. Sie brauchen lange, um Vertrauen zu fassen. Und die Angst, ob sie jemals eine gesunde Bindung zu Freunden, Partnern eingehen können, bleibt.

Wir zu früh gewordenen Eltern haben auch Probleme mit dem Vertrauen. Wir können nicht einfach darauf vertrauen, dass die Kinder sich schon gut entwickeln. Dass einfach etwas mal normal so weiterläuft. Jeden Tag gibt es eine Kleinigkeit, die uns zweifeln lässt, dass wirklich alles in Ordnung ist. Wir sind traumatisiert, wir können nicht mehr unbefangen auf unsere Kinder schauen. Doch verdammt!! sie hätten das so verdient!

Gerade wurden sie 3 Jahre alt: Herzlichen Glückwunsch!!